Alltagsbeobachtungen

Die Zerklatscher

Manchmal schafft es ein Künstler mit einem Lied eine seltene, eine fast magische Stimmung zu erzeugen. Das Publikum hängt dann an seinen Lippen und jeder Ton ist wie eine Offenbarung. Alles ist still und lauscht gebannt dem Lied. Dann endet das Lied langsam. Alles ist unendlich still, die letzten Töne schwingen noch leise nach – da tritt er auf: Der Zerklatscher. Er zerfetzt die Magie des Moments mit seinem ebenso unangemessenen wie frenetischen Klatschen.

Vielleicht hat dieser Mensch sogar mitbekommen, dass gerade etwas Magisches passiert ist, aber seine einzige Währung der Wertschätzung ist das Klatschen – er kennt das […]

2019-05-10T23:09:25+02:0010. Mai, 2019|Alltagsbeobachtungen, Slider|0 Kommentare

Das Grundgesicht der Menschen

Wenn ich durch die Stadt laufe, begegne ich häufig einem spannenden Phänomen. Dazu muss ich jedoch zunächst etwas gestehen: Ich schaue fremden Menschen im öffentlichen Raum ins Gesicht! Das macht man ja eigentlich nicht – normalerweise schaut man nur stur auf den eigenen Weg oder das eigene Smartphone und achtet unterbewusst darauf, niemanden umzurennen. Der öffentliche Raum ist ja für die meisten Menschen nur ein notwendiges Übel: Sie müssen es durchqueren, wenn sie von einem Punkt zum nächsten gelangen wollen. Sie sind in diesem Raum nicht anwesend, weil sie in ihren Gedanken entweder schon mit den Notwendigkeiten des nächsten Raumes […]

2018-05-14T16:13:36+02:0018. Februar, 2018|Alltagsbeobachtungen, Slider|0 Kommentare

Das Wetter von übermorgen und die neue Wetterreligion

Seit drei Tagen berichtet meine (eigentlich) liebste Wetterseite darüber, dass die Hitzewelle durch schwere Gewitter beendet werden wird. Nur: Da war noch gar keine Hitzewelle bei uns, die beendet werden könnte. Das Wetter von morgen scheint nicht mehr zu reichen („Es kommt eine Hitzewelle!“), man muss schon das Wetter von Übermorgen berichten!

Das hat ja auch konkrete Auswirkungen auf die Menschen. Viele sind mehr im Wetter von morgen, als im Wetter von heute: „Am Montag soll der schönste Tag des Jahres werden!“ Diese Verlagerung in die Zukunft könnte man natürlich auch positiv sehen: Wenn schlechtes Wetter ist, entstehen […]

2018-05-06T09:45:05+02:005. Juni, 2015|Alltagsbeobachtungen|0 Kommentare

Vor „unserer“ Zeitrechnung

Im Studentenleben lautete die einfache Rechnung, um die „Zeit für sich“ zu bestimmen, wie folgt:

Zeit für sich =
Gesamtzeit – Zeit für (wechselnde) Beziehungen – Zeit für Freunde
– Zeit fürs Studium (- Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Mit dem Eintritt in eine Familie und dem Start ins Arbeitsleben beginnt eine neue Zeitrechnung. Die gesamte Rechnung ändert sich für mindestens 6 Jahre wie folgt:

Gesamtzeit – Zeit für Arbeit – Zeit für den Nachwuchs
– Zeit für Lebenserhaltung/Haushalt (- Zeit für die Beziehung)
(- Zeit für Freunde) (= Zeit für sich)
(Werte in Klammern sind fakultativ einzubeziehen)

Insofern bekommen die Formulierungen „Vor ‚unserer‘ Zeitrechnung“ und […]

2018-09-24T20:54:18+02:0029. Mai, 2015|Alltagsbeobachtungen|1 Kommentar

Die Blender. Oder: Warum ich den größten Bauscheinwerfer habe!

Bei Fahrradlampen hat die Unbremsbarkeit des technisch Machbaren unerbittlich zugeschlagen. Nachdem etwa 100 Jahre lang der Dynamo ebenso zuverlässiger wie langweiliger Standard war und die Glühlampe den einzigen reparaturanfälligen Bestandteil bildete, hat nun die Verbauchsstoffindustrie erbarmungslos zurückgeschlagen: Die ansteckbare, batteriebetriebene LED-Lampe breitet sich seit langem aus. Unklar ist, was der Vorteil dieser Lampen ist. Das ständige An- und Abstecken der Lampe samt wöchentlicher Vergessensgarantie? Das regelmäßige Aufladen oder Batterietauschen? Oder doch die flutlichtartige Beleuchtung der nächsten 100 Meter?

Wahrscheinlich ist es das letztere. Das ist auch der Punkt, der mich aufregt. Ich dachte immer, es ginge beim Fahrradlicht darum, dass ich […]

2018-05-06T09:46:45+02:0028. Januar, 2015|Alltagsbeobachtungen|0 Kommentare

Unter billigen Kopien

Wenn ich junge Studenten sehe, sehe ich oft nur noch jüngere Ausgaben von damaligen Bekannten – nur dass diese jetzt nicht mehr Christian, Matthias oder Alexander heißen, sondern Lukas, Malte und Max. Obwohl also der hippe und coole Alexander mit mir gealtert ist, mittlerweile Kinder hat und langsam konservativ geworden ist, sehe ich ihn nun als hippen und coolen Max wieder auf der Straße und bei Veranstaltungen.

Solche Begegnungen lösen merkwürdige Gefühle in mir aus: Ich schaue die Leute dann lange an, meist viel zu lange, weil ich ebenso fasziniert wie irritiert bin von der Ähnlichkeit – und frage mich, ob […]

2018-05-06T09:48:45+02:003. Dezember, 2014|Alltagsbeobachtungen|0 Kommentare